Verpasst Deutschland den Zug in die Digitale Zukunft?

May 10, 2016 Eli Gavito

Digitalisierung der Gesellschaft 1

INHALTSVERZEICHNIS

Management Summary
1. Das Ende von Entfernung
1.1 Globalisierung 3.0
2. Die neue Arbeitswelt
2.1 Nonterritoriales Arbeiten
3. Arbeiten im Netzwerk
3.1 Deutschland hinkt digital hinterher
3.2 Präsenztreffen sind immer noch die Norm
3.3 Angst vor Veränderung
3.4 Gesellschaftliche Verantwortung
Fazit
Der Autor

 

MANAGEMENT SUMMARY

Digitalisierung und Vernetzung werden die Welt der Arbeit in den nächsten Jahren massiv verändern. Neue Formen der digitalen Zusammenarbeit, neue Kollaborationswerkzeuge und flexible Arbeitsorganisationsmodelle versprechen potenziell riesige Verbesserungen in der Arbeitsproduktivität. Sie eröffnen dem einzelnen Mitarbeiter aber auch große Chancen, seine Arbeitsumgebung selbstbestimmt zu gestalten sowie Arbeitszeiten und Arbeitstempo seiner individuellen Veranlagung und seinen Lebensumständen anzupassen. Voraussetzung ist, dass Arbeitgeber bereit sind, diese Veränderungen mitzutragen – und hier liegt in Deutschland vieles noch im Argen. 75 Prozent der Arbeitgeber erwarten laut der Studie „Digitalisierung der Arbeitswelt“ des IT-Branchenverbands BITKOM von ihren Mitarbeitern ständige Präsenzpflicht, moderne Kollaborationswerkzeuge wie Videokonferenzen und Social Web werden teilweise immer noch mit Misstrauen gesehen. Dieses Zögern birgt das Risiko von Verlust der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen, aber auch des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

 

Digitalisierung der Gesellschaft 2

1. DAS ENDE VON ENTFERNUNG

Die weltweite Vernetzung hat zwei Faktoren weitgehend außer Kraft gesetzt, die bislang den Wirkungskreis des Einzelnen stets einschränkt hat: Standort und Entfernung. Im Zeitalter der digitalen Vernetzung ist es aber meistens ganz egal, wo wir arbeiten, denn wir sind (fast) überall auf der Welt gleichermaßen gut erreichbar. Und in einer Wirtschaft, die zunehmend von der Wissensarbeit getragen wird, also weitgehend auf dem Transfer von Information beruht, ist es egal, wie weit wir voneinander entfernt sind, denn bis auf winzige, kaum messbare Latenzzeiten bei der Übertragung macht es keinen Unterschied, ob die Beteiligten in benachbarten Büros oder am anderen Enden der Welt sitzen.

Heute sind es vor allem die negativen Effekte der Globalisierung, die der arbeitende Mensch am eigenen Leib erlebt. Da lohnt sich ein Blick zurück auf die ursprüngliche Idee der Globalisierung, wie sie der amerikanische Autor und Kolumnist Thomas L. Friedmann in seinem 2005 erschienen Buch „Die Welt ist flach1“ beschrieben hat.

1 Thomas L. Friedman: Die Welt ist flach: Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts, Suhrkamp (2008)

 

1.1 GLOBALISIERUNG 3.0

Die Phase, die Friedman „Globalisierung 1.0“ nennt, begann im frühen 19. Jahrhundert mit der Erfindung der Eisenbahn und verlief, unterbrochen durch einen Weltkrieg, etwa bis 1936, als Konrad Zuse den ersten funktionierenden binären Computer baute. Damit läutete er die nächste Phase ein, die „Globalisierung 2.0“, die vor allem auf fallenden Kommunikationskosten und dem Siegeszug des Personal Computers basierte. Das Internet tat das Seine dazu, indem es die Kommunikationskosten gegen Null sinken ließ.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts trat die Globalisierung laut Friedman in eine dritte Phase ein. Immer mehr Menschen auf der Welt bekamen Zugang zu potenziell revolutionären Technologien, was zu einer Entwicklung führte, die Friedman das „level playing field“ nennt, womit er gleiche Chancen für alle meint, ob groß oder klein. Dafür waren seiner Meinung nach vor allem drei Faktoren verantwortlich:

  1. Unbegrenzte Computerleistung, die uns erlaubt, jederzeit potenziell wertvolle Inhalte zu erzeugen und zu verarbeiten.
  2. Unbegrenzte Bandbreite, die uns in die Lage versetzt, wertvolle Inhalte jederzeit und so gut wie kostenlos abzurufen.
  3. Unbegrenzte Zusammenarbeit dank neuartiger Werkzeuge, die uns erlauben, mit anderen Menschen auf ganz neue Art und Weise zu kooperieren.

Ein vierter Faktor sollte hier ergänzend genannt werden, ohne den diese Entwicklung ebenso wenig vorstellbar ist wie ohne die von Friedman bereits genannten. Die Rede ist von der scheinbar unbegrenzten Mobilität, die wir heute, ob virtuell oder physisch, genießen. Indem wir mit immer kompakteren und intelligenteren Endgeräten von immer mehr Orten der Welt auf die im globalen Netz vorgehaltenen Informationen zugreifen und mit immer mehr Menschen, unabhängig von Standort und Entfernung, kommunizieren können, entsteht eine ganz neue Qualität des Austausches und der Kommunikation. Wir wollen aber darauf verzichten, hier dem branchentypischen Hang zum Hype zu folgen und gleich die Ära der „Globalisierung 4.0“ auszurufen. Lassen wir Tom Friedman seine wohlverdienten Lorbeeren und bleiben bei 3.0.

 

Digitalisierung der Gesellschaft 32. DIE NEUE ARBEITSWELT

Die Folgen dieser globalisierten Vernetzung werden jedenfalls gravierend sein. Die von ihr geprägte neue Arbeitswelt wird ganz anders aussehen als die alte Arbeitswelt, so viel ist sicher. Wohin der Weg gehen kann, hat Dr. Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer- Instituts für Arbeitsorganisation in Stuttgart, in einem Gespräch mit dem Autoren beschrieben und dafür den Begriff „Work 2.0“ erfunden.

Diese wird seiner Meinung nach auf der Industrialisierung der Wissensarbeit beruhen, die damit ähnliche Effizienzvorteile erleben wird wie einst durch die Serienproduktion in der Autoindustrie. Sie wird auf einem vernetzten Wertschöpfungsprozess basieren, man könnte auch von einem neuartigen „Wertschöpfungsnetzwerk“ sprechen. Während dieses Prozesses werden komplexe Aufgaben in einfache Module zerlegt und über das Netzwerk an Personen vergeben, die erstens die dafür notwendige Kompetenz besitzen und zweitens gerade Zeit haben.

So werden einzelne Mitarbeiter, Arbeitsgruppen und sogar ganze Organisationseinheiten projekt- oder aufgabenbezogen zu Teams zusammengeführt und bilden damit eine Art virtuelle Organisation auf Zeit. Unternehmen werden für bestimmte Aufgaben bestimmte Team-Module schnell zusammenstellen können, sozusagen eine Cloud-Belegschaft. Und sie werden, auch das eine Anleihe beim Cloud-Computing, nur für das bezahlen, was an Funktion und Leistung abgefragt wurde.

 

Digitalisierung der Gesellschaft 42.1 NONTERRITORIALES ARBEITEN

Immer mehr Unternehmen – auch in Deutschland – gehen zum Prinzip „nonterritorialer“ Organisationsformen über, in denen sich der einzelne Mitarbeiter morgens einen freien Schreibtisch sucht und ihn abends sauber wieder verlassen muss. Getrieben wird diese Entwicklung von der unerbittlichen Logik der Rechenmaschine: Ein gutes Drittel aller Mitarbeiter eines großen Unternehmens sind zu jedem beliebigen Zeitpunkt, wie Arbeitsforscher festgestellt haben, entweder krank, im Urlaub oder unterwegs beim Kunden. Oder sie ziehen es vor, vom Home Office oder vom nächsten Starbucks-Café aus zu arbeiten – weil sie es können. Und weil sie zunehmend Gefallen an der freien Wahl ihrer Arbeitsplätze finden.

In der Folge planen Büroarchitekten zunehmend nach der Formell „70:30“, also 70 Prozent der Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz im Unternehmen, 30 Prozent an anderen Arbeitsorten. Und um zu verhindern, dass zu viele Mitarbeiter auf einmal ins Büro kommen, verordnen Arbeitgeber immer häufiger „Homeoffice-Pflichttage“, an denen die Anwesenheit der Mitarbeiter in der Firma unerwünscht ist.

Da drängt sich geradezu die Frage auf, ob wir in Zukunft womöglich ein Volk von Freiberuflern sein werden. Die Selbstständigkeit dürfte tatsächlich für immer mehr Menschen in der vernetzten digitalen Wirtschaft das Modell der Wahl sein. Ein steigendes allgemeines Bildungsniveau und die wachsende volkswirtschaftliche Bedeutung der Wissensarbeit werden diesen Trend ebenso beschleunigen wie die neuen digitalen Arbeitsmittel.

 

3. ARBEITEN IM NETZWERK

Solche Formen der vernetzten Arbeitsorganisationen sind in der Computerbranche bereits heute weit verbreitet, was sicher auch an der technischen Affinität der dort Beschäftigten zu digitalen Netzwerken liegt. Gerade die Softwareindustrie hat verstanden, dass zentrale Systeme bei der Komplexität der modernen Software schnell an ihre Grenzen stoßen. Komponentenfertigung ist eine hochinteressante Alternative: Dank SOA-Architektur und der Verwendung vorgefertigter Software- Bausteine wird die einstige Komplexität des Programmiererberufs in eine Art Fließbandjob verwandelt, bei der es „nur“ noch darum geht, einfache Module zu bauen und miteinander zu verbinden.

Diesen Job kann der Programmierer erledigen, wann und wo er will. Und er erfordert kein Heer festangestellter Codeschreiber, sondern kann vom Auftraggeber bequem und preiswert als „Outsourcing“ organisiert werden.


3.1 DEUTSCHLAND HINKT DIGITAL HINTERHER

Leider erweisen sich gerade in Deutschland Arbeitgeber, aber auch viele Arbeitnehmer als relativ beratungsresistent, wenn es um die Neugestaltung der Arbeitsorganisation geht. Das ist jedenfalls das Fazit, das sich aus der Lektüre einer neuen Studie des IT-Branchenverbands BITKOM zur CeBIT 2015 veröffentlicht hat und in der es um das Thema „Digitalisierung der Arbeitswelt“ geht. Home Office? Ohne mich! So kann man das Ergebnis zusammenfassen. Flexible Beschäftigungsmodelle und Einbinden von Freien? Videokonferenz? In den meisten deutschen Büros sind das bis heute offenbar noch Fremdwörter.

  • Nur 8 Prozent der befragten Firmen setzen auf Videokonferenzen als Ersatz zu Präsenztreffen.
  • 75 Prozent der Firmen in Deutschland verlangen von ihren Mitarbeitern, dass sie während der Dienstzeit anwesend zu sein haben.
  • 17 Prozent erlauben immerhin Drittel bis der Hälfte ihrer Leute, zwischendurch auch mal woanders zu arbeiten.
  • 73 Prozent sind überzeugt, dass der klassische Büroarbeitsplatz mit Präsenzpflicht auch in Zukunft das Modell der Wahl bleiben wird.
  • Nur ein Drittel glaubt, dass das Home Office künftig an Bedeutung gewinnen wird. Bei 64 Prozent ist es schlicht „nicht vorgesehen.“

Die angegebenen Gründe sprechen Bände über die digitale Geistesreife deutscher Arbeitgeber. 33 Prozent sind überzeugt, dass die Arbeitsproduktivität ohne den direkten Austausch mit Kollegen am Arbeitsplatz sinkt. Es geht halt nichts über den guten, alten Flurfunk. Und 27 Prozent stören sich daran, dass ein Untergebener im Home Office nicht jederzeit ansprechbar ist. Bezeichnend auch diese Antwort: 17 Prozent machen sich Sorgen darüber, dass der Mitarbeiter im Home Office „nicht zu kontrollieren“ ist. Der Mitarbeiter als Marionette: So sieht deutscher Büroalltag leider immer noch aus.
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3.2 PRÄSENZTREFFEN SIND IMMER NOCH DIE NORM

Flexible Beschäftigungsverhältnisse sind für die meisten deutschen Unternehmen auch kein Thema. Nur 31 Prozent glauben, dass der Anteil freier Mitarbeiter in Zukunft wachsen wird. Externe Spezialisten sind ebenfalls tabu. Für 76 Prozent der Befragten sind sie für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens unbedeutend. Nur 29 Prozent glauben, das Externe in Zukunft für die Innovationskraft des Unternehmens wichtig sein werden.

Neue Technologien werden ebenfalls äußerst misstrauisch beäugt. Für 56 Prozent der Befragten sind Präsenztreffen nach wie vor die Norm, Tendenz sogar leicht steigend. Weniger als die Hälfte (44 Prozent) nutzen wenigstens die Telefonkonferenzen, während Videokonferenzen oder Skype, wie bereits erwähnt, mit 8 Prozent ein Kümmerdasein fristen. Stattdessen gibt es offenbar immer noch genügend ältere Marketeingverantwortliche, die an ein zweites Leben im Internet glauben. Jedenfalls sind 26 Prozent überzeugt, dass „3D-Videokonferenzen“ (was auch immer sie darunter verstehen mögen) in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. Der „Avatarfriedhof“ Second Life lässt grüßen.

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3.3 ANGST VOR VERÄNDERUNG

Kein Wunder, dass beim Thema Digitalisierung der Arbeitswelt insgesamt eher Pessimismus vorherrscht. 58 Prozent sind überzeugt, dass sich die Arbeitsplatzsicherheit dank Digitaltechnik und Vernetzung verringern wird. Ein Drittel ist überzeugt, dass die Arbeitszufriedenheit abnimmt. Ja, das Wirtschaftswachstum wird zunehmen, glauben 65 Prozent, das Innovationstempo auch (70 Prozent). Aber die grundlegende „Techno“-Skepsis ist sehr weit verbreitet.

Immerhin konstatierte BITKOM-Präsident Prof. Dieter Kempf dem deutschen Unternehmertum die Einsicht, dass „Digitalisierung Arbeit schafft - nicht in jedem Segment, aber unter dem Strich in jedem Fall.“ Am Ende aber blieb ihm nur die Ermahnung: „Wenn sich nicht irgendwas in den Köpfen bewegt, dann bleiben wir bei der analogen Gesellschaft stehen und können nur staunend zuschauen, wie sich um uns herum in anderen Ländern Unternehmen rasant verändern, ihre Arbeit neu organisieren und innovative Geschäftsmodelle entwickeln.“

Dabei müsste eigentlich klar sein, dass diese neuen Organisationsformen dem Menschen insofern entgegenkommen, als sie ihm ermöglichen, seine ganz individuelle Arbeitsumgebung zu schaffen. Diese Flexibilität hat natürlich ihren Preis. So fürchten viele, Opfer von sozialer Vereinsamung zu werden, weil für sie das Büro ein Ort der Begegnung und des Austauschs ist, von dem sie als Home Worker abgeschnitten wären.


3.4 GESELLSCHAFTLICHE VERANTWORTUNG

Diese Ängste beruhen häufig auf fehlender Information und Erfahrung. Dies kann die Notwendigkeit sein, sich und die eigene Arbeitszeit vernünftig zu organisieren oder selbstbestimmt an die Lösung von Aufgaben heranzugehen. Wenn einige Arbeitnehmer vor der neuen Selbstverantwortung Angst haben, ist es die Aufgabe der Arbeitgeber, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Sie können dann beispielsweise Schulungen in Sachen Arbeitsorganisation, Zusammenarbeit und Selbstdisziplin durchführen .

In einer wirklich „sozialen“ Marktwirtschaft wird es eine der vornehmsten Aufgaben der Gesellschaft sein, sich auch um diejenigen zu kümmern, die das digitale Tempo nicht mitgehen können oder wollen. Ein Grund, das Rad zurück zu drehen, ist das aber nicht.

 

Digitalisierung der Gesellschaft 6FAZIT

Im Übrigen wird es auch in der vernetzten Arbeitswelt noch genügend Anlässe geben, sich im Büro zu treffen. Kreativsitzungen funktionieren einfach besser, wenn man Augenkontakt miteinander hat. Es gibt Erfolge zu feiern und Feste, ob Geburtstage, Jubiläen oder andere. Nur arbeiten, das kann man auch woanders.

 

Der Autor

Tim Cole ist Internet-Publizist, Buchautor und Referent auf zahlreichen Veranstaltungen und Kongressen. Zusammen mit dem „Internet-Guru“ Ossi Urchs veröffentlichte Cole 2013 das Buch „Digitale Aufklärung – Warum uns das Internet klüger macht“ (Carl Hanser-Verlag), in dem es auch um die Zukunft der Arbeit und der Arbeitswelt geht. Tim Cole lebt und arbeitet in den Salzburger Alpen.

 

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